Frühstück im Mediterranen

Eigentlich leitet der Titel ein wenig in die Irre. Mediterran in Moskau, wo ich mich derzeit befinde? Ihr würdet Euch wundern, aber Reiseträume werden auch fern vom eigentlichen Ziel wahr, mit Fantasie und etwas Drumherum.

Ungewohnt früh (um 9!) aufgestanden, guckte ich hinaus aus dem Fenster und stellte freudig fest, dass draußen ein sonniger Frühlingstag war. In meiner zeitlosen Höhle im Wohnheim sitzend wusste ich natürlich, dass es nichtsdestotrotz kalt sein wird (hier in Moskau ist der Blick aus dem Fenster noch bis Ende April recht tückisch), zog mich warm an, brachte mein Gesicht in eine „menschliche“ Form und war bereit für einen neuen Ausflug in Moskau.

Heute ging es in das Restaurant Christian am Kutuzosvskiy prospekt. Ziemlich fancy auftretend, wirkt das Restaurant zunächst aufgrund der Lage im Hotel Radisson recht pompös und unzugänglich, was hier in Moskau wohl größtenteils der Fall ist. Warum? Die fetten Schlitten, die vor den Lokalen stehen und die dazugehörigen Besitzer, die man sich vorstellt, schrecken einen Studenten wie mich wohl eher ab, als dass sie einladend wirken würden. Nun denn, wir betreten um ca. 11 Uhr das Innere, werden wie immer freundlich empfangen und unserer Jacken entledigt- Garderoben sind hier unentbehrlicher Teil einer jeden Einrichtung.

So formell wie das Äußere auch wirken mochte, wurden wir von der Inneneinrichtung stark überrascht: von einer „abgeblätterten“, grünen Holzverkleidung umrahmt, war alles querbeet mit bunten mediterranen Kacheln verkleidet und wirkte deshalb sehr warm, gemütlich und einladend.

Ich will hier nicht lügen, ich war bislang nur in Neapel und weiß nicht, ob es diese Art von Kacheln auch in Italien üblich ist (das Restaurant wird von einem Italiener geführt und wird auch als solches deklariert). Aber sie erinnerten mich durch ihr spezifisches Design absolut an die portugiesischen Azulejos, in die ich mich auf meiner Portugalreise total verliebt habe.

IMG_20151028_161315

Dies rief bei mir unweigerlich die Assoziation hervor: Sonne, Meeresrauschen, ich sitze an einem schattigen Plätzchen in einem Café und genieße einen starken Espresso. Plötzlich ganz weit weg von Moskau, pflanzte ich mich immer tiefer in die weichen Kissen der Metallstühle hinein und gab mich dem Genuss der Speisen hin.

Diese sind hier übrigens nicht zu unterschätzen. Die Frühstückskarte verbindet mediterrane und russische Küche: Meine Begleitung genoss sehr appetitlich aussehende Sandwiches mit Eier Benedikt, Bacon und Käse. Ich meinerseits machte mich mit großem Appetit an ein Schinken-Käse-Croissant und später an hausgemachte Bliny mit Erdbeermarmelade. Davon abgesehen gibt es verschiedene Eiergerichte, weitere „Butterbrote“- so werden Sandwichs im Russischen genannt – und natürlich auch frischgepresste Säfte.

Das wichtigste aber, ganz gemäß deutscher Frühstückgewohnheit: der Kaffee.

Ein separater Kaffeeguide fürMoskau folgt später, aber soweit kann ich schon einmal sagen, dass ich bislang wenig begeistert war. Nun gut, ich habe vielleicht einen recht speziellen Geschmack in diesem Sinne: Ich mag keine säuerlich-fruchtigen Kaffeesorten und bin eher ein Fan von lateinamerikanischen, vor allem brasilianischen Bohnen, die „auf portugiesische Art“ gerötet werden. Mein perfekter Kaffee ist der Kaffee in Portugal.

Der hiesige Americano war sogar für mich recht angenehm im Geschmack, mild genug und dennoch kräftig. Bislang der beste Kaffee, den ich hier in einem Restaurant serviert bekommen habe.

Über dies und das erzählend, kamen wir auch auf den Geschmack, die Einheimischen zu beobachten. Für manche mag sich das creepy anhören, aber eigentlich ist dies doch das, was jeder macht, wenn er verreist, oder? So machten wir Bekanntschaft, wenn auch nur indirekt, mit einer Gruppe beschäftigter russischer Männer, die anscheinend ihrem täglichen Geschäft nachgingen und beim Essen in einer chilligen Atmosphäre miteinander verhandelten. Es ist tatsächlich so, wie man das in Hollywoodfilmen serviert bekommt: Sie sehen alle sehr seriös, ja ernst und gar grimmig aus. Versteht man kein Russisch und hört nur das harte Geknirsche der männlichen Stimmen, so kann man es keinem verübeln, wenn er unwillentlich ein Bild von Mafiosi im Kopf hat.

Direkt daneben saßen aber verliebte Pärchen, die zeitweise miteinander turtelten, und zeitweise ganz abwesend beide in ihrem Smartphone herumfummelten. Dies scheint hier allgemein eine ganz alltägliche Kultur geworden zu sein: seinen Gesprächspartner unbeteiligt sitzen lassen und ganz konzentriert auf sein Display starren ist wohl kein Zeichen von Unhöflichkeit (mehr).

Well, well… wieder mal begeistert vom russischen Service (hier gab es Kleiderständer aus Holz, die an den Tisch gebracht wurden, um darauf seinen Sakko/ seine Jacke etc. aufzuhängen) und der Freundlichkeit, begaben wir uns nach einigen Stunden mediterranem „Urlaub“ (in welchem Land war gedanklich meine Freundin, apropos?) zurück in das Wohnheim, um uns für die nächste Kultursession vorzubereiten –  Schwanensee im Kreml.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s