Abseits vom Ballerman, oder mit Dalí auf Mallorca

Mallorca ist abgelutscht, dachte ich auch lange Zeit. Bis ich endlich hingefahren bin und mich ganz spontan durch die Gegend habe treiben lassen. Dabei bin ich auf ein sehr schönes und ruhiges Museum in der Altstadt Palmas gestoßen, das interessante Arbeiten Salvador Dalís ausstellt.

Wie schon so oft in der Kälte des Alltages sitzend (und diesmal war ich in Russland!), sehnte ich mich auch diesen Frühling nach einer sonnigen Erholung im Süden. Nach etlichen Stunden erfolgloser Suche war meine Motivation so ziemlich am Boden: Als Studentin kann ich mir leider nicht alles leisten, was das endlose Angebot an Reisen einem bieten kann. Eine einzige Möglichkeit war da noch, die eigentlich meinen finanziellen Ansprüchen gerecht werden könnte – Mallorca. Ich ließ mir dieses Wort nochmals gedanklich auf der Zunge zergehen und musste unwillkürlich die Nase rümpfen. Noch nie war ich auf dieser „sagenumwobenen“ Insel, und musste es auch nicht. Dachte ich damals. Denn sofort schossen mir die stereotypischen Bilder in den Kopf: Bling Bling – Souvenirshops, der berühmte Ballermann, ein Hotel nach dem anderem… So manchen wird diese Vorstellung vielleicht nicht so ungeheuer sein wie mir, doch als jemand, der gerne in ruhigerer Umgebung auf eigene Faust seinen Urlaub gestaltet, war ich von diesem Gedanken an den Massentourismus abgeschreckt. Jedoch wurde ich so heftig von der Sehnsucht nach dem Meer und der Sonne gepackt, dass ich alle meine Vorurteile über Bord warf und kurz darauf meinen Urlaub auf Mallorca buchte. In diesem Moment konnte ich mir noch nicht erträumen, dort einen meiner Lieblingsorte zu entdecken.

Als angehende Kunsthistorikerin bin ich natürlich nicht nur an der warmen Meeresbrise interessiert. Kunst ist das Stichwort. Und auf der Suche nach dieser begab ich mich bereits nach wenigen Tagen der Rumliegerei am Strand nach Palma de Mallorca. Der Bus brachte mich aus dem kleinen naheliegenden Ort direkt in das Stadtzentrum. Da stieg ich nun aus, und wurde bereits im ersten Moment von dem Anblick der architektonisch bemerkenswerten Kathedrale La Seu überwältigt. Der frische Meereswind, der einen mit kleinen Wassertröpfchen von der naheliegenden Fontäne berieselt, tat sein Werk. Erfrischt und energievoll ging ich hoch in Richtung der historischen Altstadt. Vorbei an den Straßenkünstlern, die malen, singen, tanzen und… einfach wahnsinnig kreativ sind, den Touristen und allgemeinen Sehenswürdigkeiten, verirrte ich mich relativ schnell in den engen Gassen, die mir sehr intime Einblicke gewährten. Durch ein metallisches Gittertor abgesperrt, sind die Innenhöfe der cremefarbenen Häuser von der Gasse aus gut einsehbar.

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Meinen Weg fortsetzend, stieß ich auf ein Schild, auf dem Museo Can Morey de Santmarti stand (anders als auf dem Schild vom Foto, auf dem die Kollektion angekündigt ist).

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Unwissend ging ich hinein und wurde positiv überrascht: Dalí! Einer der womöglich umstrittensten Künstler des 20. Jahrhunderts: War er eine exzentrische, ja gar verrückte Person, ein Genius des Surrealismus, oder doch ein Lügner, der seine Verrücktheit nur vorgaukelte, um sich als Künstler erfolgreich zu vermarkten? Fakt ist, dass das „Konzept Dalí“, unbewusst oder intendiert, funktionierte: Er war nicht nur erfolgreicher Maler, sondern auch Autor, Illustrator, Architekt, Schmuckmacher, Designer, aber auch Philosoph und Theoretiker… es gibt fast nichts, was Dalí im kreativen Bereich nicht gemacht hätte. Doch scheint seine eigentliche Leistung als Künstler hinter all dem Gemunkel bezüglich seiner psychischen Verfassung zu verblassen. Dass seine Werke jedoch der Auseinandersetzung außerhalb dieser Spekulationen wert sind, wird schnell klar, wann man das kleine, ja beinah familiäre Museo Can Morey de Santmarti betritt. Was ich in der Altstadt Palmas nur von außen bewundern durfte, präsentiert sich dem Besucher nun auch von innen: Ein typischer mallorquinischer Altbau, mit glänzend polierten Dielenböden und sehr atmosphärischen Räumlichkeiten, die einen durch ihre ruhige Ausstrahlung zum Verweilen einladen.

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Hier zeigt sich uns der exzentrische Künstler vorwiegend als Grafiker und Illustrator. Neben vielen anderen Werken Dalís zogen mich die Griechischen Mythen von 1963-65, die aus 11 Radierungen und 5 Stichen bestehen, in ihren Bann.

Dalí baute seinen Bilderzyklus entsprechend der griechischen Mythen auf, die eine relativ strikte Erzählfolge einhalten. Der Künstler muss wohl eine moderne textuelle Fassung wie die des Karl Kerényi als Vorlage gehabt haben, denn beginnt er den Urmythos ebenfalls mit der Schöpfungsgeschichte. Es wird berichtet, dass am Anfang das Chaos und Gaia, die Erde, standen. Aus sich heraus gebar sie Uranos, den gestirnten Himmel, und wurde zugleich seine Gattin. Die gemeinsamen Kinder (Titanen, Zyklopen, Hekatoncheiren) können jedoch Gaias Schoß nicht verlassen, da zwischen Himmel und Erde kein Platz ist, sodass Gaia ihren jüngsten Titanen-Sohn Kronos dazu anstiftet, Uranos zu töten. Sie gibt ihm eine Sichel und Kronos begibt sich zu der Stelle, wo sich Gaia und Uranos geschlechtlich vereinen, und schneidet seinem Vater das männliche Glied ab. Seine abgeschnittene Männlichkeit fiel dabei in das Meer und verlor immer noch Samen. Vermischt mit dem Meereswasser bildete sich weißer Schaum aphros,  aus dem die Liebesgöttin Aphrodite entsprang, womit sie entgegen der weit verbreiteten Meinung die erstgeborene Göttin des Olympus noch vor Zeus, Poseidon und Hades ist.

Auf dem ersten der Bilder aus dem Zyklus der griechischen Mythologie von Salvador Dalí sehen wir Aphrodite aus dem Meeresschaum entspringen, der seinerseits durch einen großen, in der Luft schwebenden Phallus in Verbindung mit dem Meer erzeugt wird. Die unterschiedlichen Strukturen im Bild wie Punkte, verschiedene Stricharten, Kreise etc. erschaffen das brausende Meer und dessen ungeheure Dynamik, die die Bedeutung des gerade stattfindenden Ereignisses hervorhebt: Hier entsteht die Welt.

Was der unwissende Betrachter als eine Skurrilität der erotischen Fantasien Dalís wahrnimmt, hat also einen griechischen Mythos als Grundlage, den der Künstler seinerseits zu visualisieren versucht. Wenn man das gesamte Bilderensemble betrachtet, so zieht sich die Sexualität, gepaart mit Gewalt und der Darstellung des Nichtrealen durch den ganzen Zyklus. Mehr als eindeutig zeigen uns dies auch Kronos, der seine Kinder verschlingt sowie Hera, Herkules und die Milchstraße.

Einige Elemente im Kronos dürften uns bekannt vorkommen, so beispielsweise die Schublade im Kopf des Kronos, die in der Brennenden Giraffe, einem der wahrscheinlich bekanntesten Gemälde Dalís, auftaucht.

Hier sehen wir allerdings die Schublade gefüllt mit Gebeinen und Fleischresten, wohl als Hinweis auf die bereits von Kronos verschlungenen Kinder. Die die sonst farbschwache Illustration betonende rot-rosa Farbe des Blutes und Fleisches verstärkt das Drama des brutalen Ereignisses.

Eine ebenso gewaltbehaftete Szene, wenn auch eine wesentlich harmlosere als im Falle des Kronos, zeigt uns die Milchstraße: Dem Mythos nach soll Alkmene, Herakles´ Mutter, das Kind aus Furcht vor dem Zorn der Hera ausgesetzt haben. Wohl zufällig kamen dort Hera und Athene vorbei. Letztere überredete Hera, den Kleinen zu stillen, was sie auch tat. Das Kind jedoch saugte so kräftig, dass die Göttin den Schmerz nicht aushielt und das Kind von ihrer Brust wegzerrte. Die verspritze Milch formte die uns heute als solche bekannte Milchstraße, die Dalí als einen dynamischen „Farbkleks“ in Schwarz und Braunrot darstellte, ganz entgegen dem, was wir farblich mit Milch assoziieren würden. Vielmehr erinnern uns diese Farbigkeit und die rundlichen Formen an das Universum, das ewig Schwarze und die darin leuchtenden Sterne und Planeten, die ihre ganz eigenen Muster kreieren.Übrigens reichte die Menge an Milch aus, damit Herkules unsterblich wurde.

Die Hintergründe aus der Mythologie kennend, eröffnet sich uns meiner Ansicht nach eine ganz andere Sichtweise auf diese Illustrationen. Nicht mehr der Verrückte dominiert die Vorstellung, sondern vielmehr der meisterhafte Dalí, der sich bemüht, jede Erzählung eines langen Mythos zusammengerafft in je nur einem Bild zu zeigen und dieser komplexen Aufgabe durchaus gerecht wird. Doch sollte sich jeder von der Wirkung dieser Bilder selbst überzeugen, denn auch unter Profis gibt es nicht „die eine Sichtweise“, vielmehr gibt es so viele Blicke, wie es Betrachter gibt.

Mir jedenfalls versüßten die Zeit im Museum und der starke Espresso im Café des Museumsinnenhofes danach den Aufenthalt auf Mallorca wesentlich. Äußerst froh, diese Entdeckung gemacht zu haben, bin ich nun überzeugt, dass diese Insel noch so einige verstecke Schätze zu bieten hat.

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